Wir alle kennen vermutlich das Gefühl des Fremdschämens, weil jemand eine Geschichte erzählt, die einen Tick zu privat ist. Die zu viele Details enthält, die wir lieber nicht gewusst hätten.

Die meisten Menschen, mit denen ich arbeite, haben genau davor Angst:sie wollen mehr von sich erzählen, auch persönlicher werden und ihre Geschichten für sich nutzen. Aber:

  • Wo ist die Grenze zwischen persönlich und privat?
  • Wie kann ich verhindern, mich angreifbar zu machen?
  • Was muss ich berücksichtigen, um diese feine Grenze nicht zu überschreiten?

Im Folgenden dazu ein paar Gedanken und Regeln.

Erzähle keine Geschichte, die Du noch nicht verarbeitet hast.

Wenn Du mitten in einem Rosenkrieg gefangen bist, gerade sehr verletzt wegen einer Ungerechtigkeit am Arbeitsplatz oder eine große Enttäuschung erlebt hast, weil Dein Projekt nicht realisiert wird- dann ist die Gefahr groß, dass Du sehr emotional bist.

Vielleicht hast Du eine eigeschränkte Sicht auf die Ereignisse oder empfindest Dich als Opfer, als Spielball des Schicksals. In solchen Fällen ist es nicht einfach, diese Ereignisse als Geschichte so zu formulieren, dass es für Deinen Zuhörer einen Mehrwert hat.

Denn darum geht es ja beim Geschichten erzählen:

Geschichten sind Geschenke an Dein Gegenüber.

Wenn Du verstrickt bist in emotionalen Zusammenhängen, die Du noch nicht durchschaut hast, ist es schwer, daraus eine Geschichte zu erzählen, von der Dein Zuhörer wirklich einen Mehrwert hat. Geschichten, in denen Du selber Opfer bist, haben in der Regel (noch) kein befriedigendes Ende. Und ein befriedigendes Ende sollte eine mitreißende Geschichte haben.

Damit meine ich kein Happy End.

Inzwischen kennt Ihr vermutlich alle eine meiner Lieblings-Weisheiten von Marie Forleo:

You never lose.

You either win,

or you learn.

Das ist genau der Kreislauf einer Geschichte: auch wenn Du nicht das Ziel erreichst, dass Du Dir vorgenommen hast, so wirst Du doch immer etwas Wertvolles gelernt haben (dazu mehr im Teil Tips & Tricks zum Thema: Deine Ziele und die damit verbundenen Erwartungen).

Bei Geschichten, in denen wir destruktiv verstrickt sind, können wir das Wertvolle daran noch nicht erkennen. Und daher auch keine befriedigende Geschichte daraus stricken.

NOCH NICHT!

Irgendwann dann schon, Gott sei Dank.

Emotionen sind (trotzdem) immer gut beim Erzählen

Wie ich eben gesagt habe, wenn Du vor lauter Gefühlen die Geschichte noch nicht greifen kannst, lass es bleiben.

Aber: Geschichten, die Dich zutiefst berühren, solltest Du unbedingt erzählen.

Wenn Dich Gefühle wie Ängste, Freude, Mitgefühl beim Erzählen überwältigen, ist das nichts Schlechtes. Denn da kommt die Quantenphysik und die Spiegelneuronen ins Spiel:

  • Wenn Du etwas selber fühlst, dann wird es Dein Gegenüber ebenso fühlen.
  • Wenn Du Liebe fühlst beim Erzählen, fühlt sie/er das gleiche.
  • Mitgefühl, Empathie, Verletzung, Ängste- all das wird Dein Gegenüber auch spüren.
  • Und das ist bei bestimmten Gefühlen auch gut so, denn es wird Deinen Zuhörer hineinziehen. Es wird ihr/ihm helfen, mitzufiebern und am Ende erleichtert am Ende anzukommen.

In meinem ersten Newsletter hatte ich Euch meinen Auftritt bei Truthbetold mitgeschickt. Das ist eine Geschichte, bei der ich immer sehr emotional werde. Mein Trick, um nicht auf der Bühne in Tränen auszubrechen, ist Folgender: immer wenn etwas sehr Schmerzhaftes im ersten Satzteil kam, habe ich im zweiten Satzteil mit Humor gearbeitet, z.B.:

Als ich nach meinem schlimmen Unfall Angst hatte, ein entstelltes Gesicht zu haben für den Rest meines Lebens, bin ich in die Kapelle gegangen um mit Gott zu verhandeln.

Dort sagte ich: „Dear God, please let me have a face again, that other people would like to look at…“

Das war immer die kritische Stelle, an der ich fast in Tränen ausbrach. (Und dass muss ja nicht sein auf der Bühne). Also habe ich im zweiten Teil des Satzes folgendermaßen weiter gemacht:

„….and I promise you, I will never think of boys again or kissing or sex for the rest of my life. Or at least, until I am 18.“

Es gibt also, Gefühle, die Dein Gegenüber gerne mitempfindet. Um daraus zu lernen und zu wachsen.

Bei unverarbeiteten Gefühlen wie Hass, Neid, Traumata jedoch wird Dein Zuhörer spüren, dass er hier für einen Prozess benutzt wird. Dass es nicht wirklich um den Zuhörer geht, sondern um den Redenden.

Und das ist der Moment, an dem sich Zuhörer nicht wohl fühlen oder sogar sauer werden.

Wenn Deine Geschichte ein Geschenk für Deinen Zuhörer ist, kann nichts schief gehen

Es gibt zwei Arten von Geschichtenerzählern: diejenigen, die sich selber gerne reden hören. Und diejenigen, die dem Zuhörer etwas mitgeben wollen.

  • Einen Mehrwert.
  • Das Geschenk einer Erkenntnis.
  • Oder einer Entwicklung.

Ich nehme an, wenn Du das hier liest, gehörst Du zur zweiten Gruppe und bist deshalb per se schon einmal auf der richtigen Seite.

Wenn Du eine Geschichte als ein Geschenk für den anderen betrachtest, dann kann sie kaum selbstbezogen, sich-selbst-beweihräuchernd oder selbstverliebt werden. Denn Du denkst ja an Den Zuhörer, nicht an Dich selber.

Um diese Art des Storytelling zu verstärken, gibt es zwei ZENTRALE Fragen, die Du Dir vorher stellen solltest:

1. Wem willst Du Deine Geschichte erzählen? Und warum?

2. Worum geht es in meiner Geschichte? Worum geht es WIRKLICH? (Nicht auf der Handlungsebene, sondern auf der Ebene Deiner inneren Reise. Was hast Du erlebt, während um Dich herum Dinge passiert sind? Wie hat dich diese Reise verändert?)

=> Das ist es, was Dein Zuhörer erfahren will.)

DAS IST DER ALLERWICHTIGSTE ASPEKT!

1. Willst Du eine Geschichte erzählen, um gesehen zu werden?

2. Oder weil Du ein tiefes Verlangen hast, ein Erlebnis, mit anderen Menschen zu teilen, dass Dich selber sehr berührt hat.

Wenn Du zur ersten Frage mit „nein“ oder „teilweise“ anworten kannst und die zweite Frage bejahen kannst: dann KANN mit Deiner Geschichte nicht wirklich etwas schief gehen.

Klar wird es immer auch Leute geben, die Dich und Deine Geschichte scheel beäugen. Die vielleicht insgeheim neidisch sind, dass Du Dich traust, persönlich zu sein, was sie sich ihr Leben lang schon verboten haben.

But then: es wird immer Menschen geben, die Dich blöd finden.

Dann doch lieber blöd gefunden werden dafür, dass man seine eigene Wahrheit spricht.

Als dafür kritisiert zu werden, dass man sich ohne Ende verbiegt und versucht, anderen nach dem Mund zu reden.

=> Die eigene Wahrheit sprechen

Im Laufe der letzten 1.5 Jahre habe ich in meinen Workshops viele Menschen erlebt, die begonnen haben, ihre eigenen Geschichten anzuschauen und zu begreifen.

Die angefangen haben, ganz unumwunden, ehrlich und verletzlich ihre Wahrheit zu erzählen.

Und was dann passiert, ist für mich jedes Mal ein kleines Wunder:

Diese Menschen beginnen zu leuchten, so als wären sie echter,

mehr da im Hier und Jetzt.

Sie bekommen eine Souveränität,

die vorher nicht da war, oder gut versteckt.

Diese Position der Souveränität ist so kraftvoll, dass man dann wirklich ALLES erzählen kann.

Geschichten von Angst und Scham, von Triumph und Niederlagen.

Wer einmal damit begonnen hat, seine Wahrheit zu sprechen, und diese Souveränität zu spüren bekommt, kann nicht mehr damit aufhören.

Da wollen wir hin beim Storytelling: zu einer Position der inneren Souveränität.

Erreichen können wir sie, indem wir unsere Geschichten (alle)

annehmen und wertschätzen.

Indem wir anfangen sie uns zu erzählen.

Und anderen.

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Herzlichst

Kathrin Kulens Feistl

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